Die Dompteure vom Christkindlesmarkt

Von Clara Müller

„Davon esse ich bis Weihnachten 60-70 Stück.“ Sebastian Buhl beißt gerade genüsslich in einen Baggers. Es schmeckt ihm offensichtlich. Doch er ist kein normaler Besucher des Nürnberger Christkindlesmarkt. Im Gegenteil: Er hat diesen Markt gemeinsam mit seiner Chefin Christine Beeck organisiert. Gemeinsam stellen sie den Markt auf die Beine und kümmern sich um alles, was dazu gehört.

Sebastian ist Sachbearbeiter, doch das „klingt weniger als es ist“. Er sieht sich als Dompteur für 220 Händler. Mit Christine plant er fast ein Jahr lang einen der größten Weihnachtsmärkte Deutschlands. Gleich gehen die beiden über den Markt, um die neuen Stände zu kontrollieren. Schließlich gibt es auch für einen Weihnachtsmarkt strenge Vorlagen, die Liste ist lang: An Buden, an denen Lebkuchen verkauft werden, darf es keinen Glühwein geben, das Einwegverbot muss eingehalten werden, das Tannengrün muss echt sein und die Dächer der Stände müssen rot-weiß sein. Insgesamt sollte die Gestaltung der Stände auf den Markt passen, das ist den beiden ganz wichtig, schließlich gehört dieser Markt zu den Top 10, wie Sebastian stolz erzählt.

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Doch auch der Ablauf muss stimmen. Der Plan für die Eröffnung ist bis auf die Minute durchgetaktet. Wenn dieser Plan nicht eingehalten wird, „dann haben wir ein Problem“, sagt Christiane ganz trocken.

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Der erste neue Stand wird besucht und der Geruch des frittierten Teigs ist überall. Christine begutachtet konzentriert den Stand, schaut mit einem gekonnten Blick hinein und führt einen kurzen Smalltalk mit den Budenbesitzern. Das Essen wird probiert und schon geht es weiter.

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Es ist ihr sechster Markt, der vierte in ihrer Verantwortung. Sebastian organisiert zum achten Mal den Christkindlesmarkt, beiden merkt man diese Erfahrung an. Nach sieben Jahren, so Sebastian, klappt´s auch irgendwann. Trotzdem sehen sie immer noch Dinge, die so nicht sein sollen. Gerade diskutiert er mit zwei Budenbesitzern über den Müll, der an der Seite ihres Standes steht.

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„Wir wollen ein Qualitätsmarkt sein“, erklärt Christine , äußerlich, aber vor allem auch bei dem, was angeboten wird. Das Produkt muss auf den Markt passen, so werden auch zwischen den 600-700 Bewerbern die Stände ausgesucht. Als Händler will man nach Nürnberg, da ist sich Christine sicher, aber nur gut 200 Händler schaffen es letztendlich. Eine Jury entscheidet jedes Jahr aufs neue, wer zu diesen gehört. Dem Zufall wird hier nichts überlassen. So ist auch der Plan des Christkindlesmarkts immer ausgedruckt in der Jackentasche.

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Ein kurzer Blick darauf geworfen und schon drücken sie sich durch die Besucher zu dem nächsten Stand.

Christine begrüßt zwischenzeitlich sämtliche Händler mit Handschlag, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. „Wir legen Wert darauf ein gutes Verhältnis mit unseren Händlern zu haben.“

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Sie zeigt Begeisterung für die Produkte, schaut sie sich genau an. Sie hat aber mindestens eine genau so große Begeisterung für die Geschichten der Leute, führt Smalltalk und weiß über jeden Stand Hintergrundinformationen.  

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Vor dem nächsten Stand begutachten die beiden wieder das Gesamtbild, Sebastian geht zwei Schritte nach hinten, blickt auf die Bude und nickt zufrieden mit dem Kopf: „Passt!“

Doch obwohl jetzt alle Stände zu ihrer Zufriedenheit stehen, ist der Druck noch nicht ganz abgefallen. „Weihnachten erleben die wenigsten von uns“, sagt der Sachbearbeiter, zu groß war die Anstrengung in der Zeit zuvor. Doch das gehört für ihn dazu und die Leidenschaft ist ihm anzumerken: er wird heute Abend um 23.00 Uhr zuhause sein und dann noch die Pressemeldungen lesen. Der Christkindlesmarkt ist für ihn mehr als Arbeit, er greift in sein Privatleben ein. Als Privatperson über den Markt zu laufen kann er nicht, „man wird von allen Händlern angesprochen“, das ist seine Erfahrung. Aber auch über andere Weihnachtsmärkte „geht man mit anderen Augen“, das eigene Wissen als Organisator lässt sich einfach nicht ausblenden.

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In Nürnberg gehören die Glühwein- und Bratwurststände zu den Ständen, die am beliebtesten sind, sie gehören einfach zum „Weihnachtsdreiklang“, wie es Sebastian nennt und auch Christine B. und er kommen um den Glühwein nicht ganz drum herum.

Doch während Sebastian B. den Glühwein von dem neuen Stand probiert, kommt ihm ein Gedanke: „Irgendwas läuft schief, es hat seid fünf Minuten mein Telefon nicht mehr geklingelt“, sagt er schmunzelnd. Gestern kam er auf insgesamt 120 Anrufe, doch das ist in dieser Zeit normal. Sein Handy hat er immer griffbereit, er muss erreichbar sein, weshalb er auch für die nächsten Wochen ein provisorisches Büro direkt am Markt hat.

Doch ehe er den Satz über sein ruhiges Telefon ausgesprochen hat, kommt auch schon der nächste Anruf. Der Glühwein wird zur Seite gestellt und weiter geht’s, die Arbeit ruft…

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